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Ich fühle mich kurz schwerelos, kurz bevor ich am Himmel anstosse und zurück in den Sitz geschleudert werde. Gurte gibt es in diesem Wagen, wie in den meisten auf den Rücksitzen nicht.
Wir sind auf dem Weg in die Berge. Gerade hatten wir den Außenbezirk von Chengdu hinter uns gelassen und befinden uns auf dem Weg durchs Tal zum Pass auf 4400m. Der Wagen schlängelt sich durch eine Art Kriegsgebiet, zu mindestens scheint es so, denn links und rechts der Straße türmen sich Geröll und Schutt. Auf Nachfrage, erzählt uns der Fahrer, dass hier am 12. Mai 2008 die Erde für einige Sekunden mit Starke 7 oder 8 bebte. Insgesamt kamen dabei offiziell 65.000 Menschen ums Leben, die Dunkelziffer wird wahrscheinlich weit höher liegen. 20km der Straße sind immer noch unbefestigt, die Regierung ist aber dabei alles schnell auf Vordermann zu bekommen.

Wir passieren nach 3 Stunden Fahrt den Pass. Ein leichtes Schwindelgefühl macht sich bei mir bemerkbar, vergleichbar mit 2 Kurzen intus. Danach geht’s wieder runter ins Tal auf 2800m und von dort ins Nachbartal, wo sich unsere Unterkunft in 3500m befindet (die Höhe wurde von uns später per GPS ermittelt, so weit ich mich erinnere, meinte der Fahre es wären nur 3000m).
Die Fahrt ganz gut überstanden, bestellen wir gleich etwas zu Essen. Die Unterkunft besitzt eine Großküche und einen grossen „Speiseraum“, für alle hier absteigenden Gäste. In dessen Mitte steht ein grosser Ofen, auf dem Speisen und Getränke warm gehalten werden. Da in Unterkunft in keinem der Zimmer eine Heizung installiert ist und es im Winter Abends etwas kälter wird (etwa -20 Grad), dient dieser Raum außerdem auch als Treffpunkt aller Gäste, die sich hier aufwärmen und Geschichten übers Eisklettern und Wandern austauschen. Derzeit sind an die 30 Leute in der Unterkunft untergebracht.

Ich hole mir nur eben einen Becher heißes Wasser von dort. Piau. Mich legt es mich bald hin (ich bin jetzt bei 6 Kurzen). Durch den Ofen und der großen Anzahl an Gästen im Raum, ist der Sauerstoffgehalt im Raum entsprechend gering. Also schnell wieder raus und in einen anderen Raum, wo ich wieder zu Atmen kommen kann. Dort treffen wir unter anderem auch einen Deutschen, von einer grossen Expetitions-Agentur aus München, mit dem wir uns nach dem Essen noch ein wenig über Höhenkrankheit (AMS) unterhalten. Er meint, dass schon einige seiner Gäste zwei Tage nur am kotzen waren, da sich ihr Körper nur schwer an die Höhe gewöhnen konnte. Wie auf Stichwort, werde ich unendlich müde – ja nicht tagsüber schlafen, heißt es, in dieser Höhe. Ich ziehe mich ins Zimmer zurück. Torsten und Bo holen mich noch zu einem kleinen Frische-Luft-Spaziergang ab – auch das ist in dieser Höhe wichtig – bewegen und zwar an der frischen Luft und trinken. Wenig später werde ich meinen Mageninhalt wieder los und mir wird klar, ich hab sie, die allseits beliebte Höhenkrankheit. Nun denn, ich muss versuchen es auszustehen.

Am nächsten Tag sieht’s bei mir nicht besser aus, wir rufen also den Berg-Bus, der uns in die nächst tiefere Unterkunft auf 3000m bringt. Torsten besorgt vorsorglich noch eine Sauerstoffflasche (1L), die ich gierig inhaliere. Danach geht’s mir wesentlich besser, der Tag ist aber für mich gelaufen.

TaoShan Wan und seine Familie, in dessen Unterkunft wir jetzt wohnen, umsorgen mich liebevoll und päppeln mich wieder auf. Hier gibt es, wie in der letzten Unterkunft zwar ebenfalls keine Heizung in den Räumen, aber zu mindestens eine Dusche mit warmen Wasser, auch wenn sie nur tröpfelt – ein Luxus.

Ein bisschen wie verkatert überlege ich nach dem Aufstehen lange, ob ich nicht lieber noch einen Tag ausruhe oder das Angebot von Torsten und Bo annehme, mit im Nachbartal zu wandern. Ich fahre mit. Es geht ins Qingqiling-Tal.

Durch das Tal kann man bis auf 4000m sehr gemütlich aufsteigen. Der Weg ist kaum sichtbar ansteigend und startet auf 3200m. Alles geht gut, nur bei den gelegentlichen Stufen, muss ich schnaufen und etwas langsamer laufen.

Wir arbeiten uns bis auf 3700m hoch, durch eine atemberaubende Landschaft. Das Tal wird von den „4 Schwerstern“ eingerahmt (unteranderem dem SiguningShan) – alle ab 5000-6200m hoch. Einfach traumhaft.

In der Nacht danach wache ich mitten in der Nacht auf, mit Herzrasen und nass geschwitzten Schlafsack – der Entschluss morgen mit zum Eisklettern zu fahren ist damit gestorben. Den Tag erkläre ich zum Ruhetag für mich. Später am Abend erzählt mir Torsten, dass es eventuell auch am grünen Tee gelegen haben könnte, den ich am Vorabend sehr ausgiebig genossen hatte. Egal, die Auszeit hatte ich dringend nötig.

Am 07.02. ist für Bo Abreisetag, da sie in ChangChun wieder arbeiten muss. Die Fahrt von Chengdu aus, hatte schon ein ziemlich großes Loch in meine Kasse gerissen (der Fahrer hatte uns aber auch ziemlich abgezockt) und von der Höhenkrankheit bin ch noch etwas geschwächt. Also breche ich zusammen mit Bo die Zelte ab und fahre mit zurück nach Chengdu. Somit habe ich außerdem auch zwei Tage für die weitere Reise gewonnen.

Die Rückfahrt wird etwas haarig. Unser ursprünglich bestellter Fahrer kommt auch nach einer Stunde Wartens nicht, so dass uns Tao einen seiner Kumpels vermittelt. Zu viert quetschen wir uns auf die hinteren Sitze. Ganz rechts eine etwas jüngere Frau, dann ein älterer Herr, der schon am Morgen anscheinend etwas zu tief in die Flasche geschaut hatte und Bo und ich. Ich dachte schon, das sei eng, dann hält jedoch unser Fahrer noch einmal und zwei Jungs werden kurzerhand in den Kofferraum geschoben, wo sie sich dann auf Notsitzen sitzend und vom Gepäck eingekeilt sich während der Fahrt kaum bewegen können.

Der Fahrer heizt unbeirrt los – mit 80km/h durch die Dörfer. Netterweise warnt er aber jeden Menschen vorher sehr eindringlich mit seiner Hupe. In manchen Kurven zum Pass, befindet sich eine feste Eisschicht, die sich anscheinend in den letzten tagen gebildet hatte. In einer dieser eisigen Kurven schlittert unser Wagen plötzlich in Richtung Abgrund. Da ich auf der linken Seite sitze, bekomme ich damit eine super Gelegenheit, ein paar grasende Yaks in 200-300m Tiefe zu beobachten – 2 schwarze 3 braune. Als der Wagen wieder Grip bekommt, kann ich auch wieder ausatmen. Es geht weiter und keiner im Wagen scheint sich so richtig an diesem Erlebnis gestört zu haben.

Uns begegnen noch einige Yaks auf der Fahrbahn und das mitten in der Kurve. Auf der Autobahn, völlig irre und in Deutschland nie und nimmer möglich, steht auf der Überholspur, an der Leitplanke ein Mann und schaufelt in aller Seelenruhe etwas Dreck weg, während dicht neben ihm der Verkehr ungebremst vorbei zieht.

Da ich hier schreibe, könnt ihr davon ausgehen, dass alles gut gegangen ist…