Die meisten Touristen werden gleich im ersten Dorf "Pin'an Cun" aus dem Bus geworfen. Ich lasse mich an der Er Long Qiao (Zwei Drachen Brücke) absetzen. Man versichert mir und zwei älteren Damen, dass der nächste Bus nach Dazhai Cun in einigen Minuten ankommen müsste. Nach 30 min und einem dankend abgelehnten, überteuerten Mitfahrangebot lief ich dann einfach los. Irgendwann ließ mich ein Motorradfahrer aufsitzen, um mich 20min später kurz vor dem Dorf wieder ab zu setzen. Auch ein wiederholtes Geldangebot lehnte er ab…

Dazhai bestand weitestgehend aus sehr alten Holzhäusern. Diese wurden zum großen Teil noch unter Verzicht von Nägeln und sehr merkwürdig anmutenden Konstruktionsweise zusammengezimmert. Zwischen den Häusern drängten sich immer mehr neu errichtete Häuser. Ein Zeichen dafür, dass mit den Touristen sehr schnell auch ein gewisser Wohlstand Einzug hielt. Vor allem im oberen Bereich befanden sich sehr viele neue Hotels und Hostels. Ein sehr großes, mir dem besten Blick über die Reisterassen war gerade im Bau befindlich.

Der Aufstieg führte auf schmalen Pfaden durch eine traumhaft schöne Landschaft. Immer wieder begegnete man einer oder zwei Damen in traditioneller Kleidung (wahrscheinlich für Touristen angelegt), die mit großen, meist schwer beladenen Bastkörben von Dorf zu Dorf unterwegs waren. Im, am höchsten gelegenen Hotel traf recht spät ein. Kurz danach wurde es auch schon dunkel. Ich wollte unbedingt in aller Frühe den Sonnenaufgang erleben.
Die Nacht wurde etwas unruhig. Aus der Ferne drangen Knallgeräusche und Musik ans Ohr. Eine kleine Gruppe von sechs Männern kam spät Abends noch, verschiedene Instrumente spielend, am Hotel vorbeigelaufen. Es wurde wohl unten im Tal etwas gefeiert…

Morgens um 5:30 Uhr stolperte ich scheinbar als letzter aus den Hotel. Mehrere Fotografen hatten sich schon mit ihren, zum Teil sehr teuren Apparaten im Anschlag positioniert, bereit, um den Sonnenaufgang ins rechte Licht rücken zu können. Sogar ein angeheuertes Modell stand, mal ohne, mal mit Bastkorb auf dem Rücken im Feld, um für die romantische Bilder verträumt in die Ferne zu schauen.
Zwei Stunden später, die Sonne stand schon über dem Horizont, befand ich mich auf dem Weg über die Terrassenpfade nach Pingan Cun. Irgendwo dazwischen traf ich auf eine große Menschenmenge. Böller und laute Rufe waren zu hören. Es war aber anfangs nicht auszumachen, um was es eigentlich ging. Es war die Feiergesellschaft vom Abend zuvor. Nach einer viertel Stunde etwa wurde ein Sarg emporgehoben und unter lautem Wehklagen und Böllergeknalle (zum vertreiben böser Geister, wie ich später erfuhr) von einigen Männern in Richtung Pingan Cun getragen. Kurze Zeit später trennte man die Frauen von den Trägern – warum kann ich nicht sagen. Ich folgte dem Tross und als alle zum rasten anhielten, nutze ich die Gelegenheit zum Überholen. Bevor ich ganz vorbei schlüpfen konnte, wurden mir einige Stücke Fleisch, ich schätzte Ziegeninnereien, und Schnaps angeboten. So trank und as ich auf das Wohl der oder des Toten, versuchte aber die Prozession nicht weiter zu stören.

Zwei, drei Kurven weiter lief mir Neshat aus Zürich über den Weg. Zusammen legten wir den Rest des Weges zurück.
In den Reisterrassen-Dörfern ist es seit Jahrhunderten Brauch, dass sich die Frauen nur einmal in ihrem Leben, mit 18 Jahren die Haare schneiden. Dementsprechend lange Haarpracht (etwa 1,50 – 1.60m ) wurde uns von zwei Frauen stolz präsentiert. Gegen Geld natürlich. Die Haare werden traditionell in Schleifen zusammengerollt und wurden, zum Turban aufgetürmt auf dem Kopf getragen. Es schien als hätten sich ein großer Teil der Frauen mit der Präsentation ihres Haupthaares einen Nebenverdienst aufgebaut. Teilweise wurde man regelrecht dazu gedrängt, sich den geöffneten Turban zu begutachten. An einer Kreuzung nach dem richtigen Weg zu fragen, könnte unter Umständen ebenfalls Geld kosten. Lehnte man die Bezahlung freundlich ab, konnte es sein, dass man angekeift oder mit "No By By" (einer wortwörtlichen Übersetzung aus dem Chinesischen) verabschiedet wurde (dies hatte auch Neshat erleben müssen – und in einem anderen Blog wurde diese Story ebenfalls zum besten geben).
In Ping'an spürte man sofort, dass hier der Großteil der Touristen abgesetzt wurde. An jeder Ecke konnte man Touri-Schnickschnack kaufen. Träger standen bereit, um lauffaule auf den Gipfel zu schleppen. Fast jedes Haus bot Kleinigkeiten zum Essen an. Vor allem der in Bambusrollen gedämpfte Reis, war einer der Verkaufsrenner. Und ich muss sagen, er mundete nicht schlecht. Den Abend zuvor konnte ich mich schon im Hotel davon überzeugen.

Neshat blieb im Dorf und begab sich auf den Rückweg nach Dazhai. Mich hingegen zog es wieder nach Guilin, da ich schon per Kreditkarte mein nächstes Hostel bezahlt hatte. Am Wochenende begannen ja die National-Feiertags-Urlaubstage und wirklich jeder im Land hatte 7 Tage Urlaub – alle(!) reisten gleichzeitig umher. In diesem Fall sollte man auf jeden Fall schon mehrere Tage im Voraus buchen…